In gleichem Maße, wie die Architektur selbst unterschiedlichen Sphären angehört (Baukunst, Technik, Kultur, Umwelt etc.), gliedert sich auch die Architekturtheorie in mindestens drei übergeordnete Bereiche:
1. Architekturtheorie als Theorie des Faches Architektur, als theoretische Fundierung des Handelns und der Rolle der Architekten sowie – wie in jeder anderen akademischen Disziplin auch – der Inhalte und Ausdrucksformen ihrer Profession: Angefangen bei Vitruv als Verfasser des ersten architekturtheoretischen Traktats zur Architektur als Fachgebiet über Alberti, Palladio u.v.a.m. bis hin zu Semper für den Bereich der Alten Architektur sowie fortgesetzt von den Mitbegründern der Neuen Architektur wie Le Corbusier, F.L. Wright, Gropius, Mies van der Rohe etc. über Kahn, Venturi, Rossi u. v. a. m. bis hin zu den Protagonisten der zeitgenössischen Architektur.
2. Architekturtheorie als Theorie der Baukunst, als Teilbereich der Kunstgeschichte und der „allgemeinen Kunsttheorie, der sie als Bestandteil angehört“[1], wobei die Kunsthistoriker ihr Augenmerk eher auf die schon seit längerer Zeit fertiggestellten Bau-Kunstwerke, auf deren Einordnung in stilistische Zusammenhänge sowie auf Querverbindungen zu anderen Kunstgebieten richten.
3. Architekturtheorie als Reflexion über Architektur als Kulturphänomen insgesamt mit all seinen künstlerischen, technologischen, ökonomischen, ökologischen, politischen, gesellschaftlichen, energetischen und ästhetischen Implikationen, als theoretische Auseinandersetzung über Inhalte und Ausdrucksformen ebenso wie über die Auswirkungen der Architektur auf die Umwelt und das Leben der Menschen. Im Zentrum steht dabei das Betrachten und Beurteilen von Konzepten oder bereits fertiggestellten Ergebnissen, das Nachdenken über Architektur als Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Prozesse.Inhaltsverzeichnis
1 Weitere Definitionen
2 Das Wesen der Architektur
3 Themen
4 Maßgebliche Autoren und Werke
5 Sekundärliteratur
6 EinzelnachweiseWeitere Definitionen[Bearbeiten]
„Theorie der Architektur (ist) disziplinunabhängiges oder […] interdisziplinäres Nachdenken über Architektur, zudem Methodenreflektion, Wissenschafts- und Metatheorie der Architektur.“ (Selbstbeschreibung des Lehrstuhls für Architekturtheorie TU Cottbus)
Architekturtheorie fragt nach Ästhetik, Wesen und Bedeutung der Architektur, erforscht deren „ideen- und geistesgeschichtlichen Hintergründe“ und betreibt deren Einordnung in größere historische, kulturelle, soziale und künstlerische Zusammenhänge. Architekturtheorie ist „Teil (der) Kunstliteratur, die sich zwar mit Architektur (befasst), auch Aussagen zum Berufsbild des Architekten und zur Entwurfslehre (trifft), meist aber zunächst im Zusammenhang mit der allgemeinen Kunsttheorie und der Diskussion an den akademischen Institutionen zu begreifen (ist).“ (Zitate aus Selbstbeschreibung des Lehrstuhls der Architekturtheorie am Karlsruher Institut für Kunstgeschichte)
Architekturtheorie ist die „Theorie einer Handlungswissenschaft“, die „anders als naturwissenschaftliche Theorien, die provisorische Schneisen durch noch unerforschtes Gelände legen, […] auf Gründe, Haltungen und Weltanschauungen (verweist), welche das Handeln von Architekten motivieren und leiten .[…] Sie (betrachtet) die gebaute Wirklichkeit im Licht von Verfassererklärungen, Regeln, Traktaten, Dogmen und Doktrinen. Sie sucht auch dort nach Erklärungen und verborgenen Motiven, wo das Bauen scheinbar ganz ohne Theorie oder bekennende Autoren vonstatten geht.[…] Sie interessiert sich für Sachverhalte, die […] über den Horizont unmittelbarer und einmaliger Bezüge hinausführen. Sie fragt nach Ideen, Themen und Topoi, die im Verlauf der Geschichte entdeckt, vergessen und reaktiviert wurden.“ (Zitate aus Selbstbeschreibung des Lehrstuhls für Architekturtheorie RWTH Aachen)
Architekturtheorie ist „einerseits Reflexion der Architektur im Hinblick auf ihre Wirklichkeitspotenziale, das heißt in Hinblick auf ihr Gemachtwerden und Gemachtsein, also auf die praktische Umsetzung und Materialisierung architektonischer Ideen. In diesem Sinne ist Architekturtheorie eine praktische Ästhetik. Andererseits ist Architekturtheorie das kritische Nachdenken über die kulturelle Funktion der Architektur, also über ihre Möglichkeitsbedingungen im großen kulturellen Ganzen, besonders dort, wo sich dieses in einem ständigen Umbauprozess befindet. Wo es um die kulturellen Bedingungen für die Architektur geht, findet die Erweiterung der Architekturtheorie zur Philosophie der Architektur statt.“[2]
Das Wesen der Architektur[Bearbeiten]
Zu den zentralen Aufgaben jeder Architekturtheorie gehört die Definition des Begriffs "Architektur" selbst, die Klärung ihres besonderen Charakters zwischen Bauen und Baukunst. Diese Klärung kann nur im Fadenkreuz historischer und vergleichender Betrachtung erfolgen, denn zum einen hat sich die Bedeutung des Begriffs "Architektur" im Laufe der Geschichte mehrfach geändert (vom Teilbereich der Bildenden Künste bis zum Hochbaugebiet), zum anderen kann der besondere Charakter der Architektur nur in Abgrenzung zu den benachbarten Gebieten Kunst, Wissenschaft, Technik, Design etc. herausgearbeitet werden. "Von den Künsten trennt sie der Graben der Zweckgebundenheit – aber sie kann trotzdem große Kunstwerke hervorbringen. Von dem streng methodischen Vorgehen der Wissenschaft trennt sie das Spontane, Intuitive – aber sie verarbeitet dennoch ständig die neuesten wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften. Vom allgemeinen Bauen trennt sie der Qualitäts- und Gestaltungsanspruch – aber sie muß trotzdem alle Gewerke des Bauens perfekt beherrschen. Von der mangelnden Steuerbarkeit der künstlerischen Produktion trennt sie die Notwendigkeit der Auftragsplanung, die nicht allein auf die Zufälle von Kreativität und Originalität vertrauen kann, sondern auf erlernbare gestalterische und ästhetische Qualifikationen zurückgreifen muß. Architektur ist daher per se weder Bauen noch Baukunst sondern die Kunst des Bauens."[3]
Themen[Bearbeiten]
Architekturtheorie kennt viele Protagonisten und nicht selten einander widersprechende Standpunkte. Sie wurde im Laufe der Jahrhunderte sowohl durch individuelle, als auch national-kulturelle Sichtweisen und Eigenarten geprägt. Auch der allgemeine technisch-wissenschaftliche Fortschritt, insbesondere die damit einhergehenden Änderungen und Neuerungen im Bauwesen, hat die Architekturtheorie immer wieder beeinflusst. Dies macht einen vollständigen enzyklopädischen Überblick über die Disziplin nahezu unmöglich. Für einen umfänglichen historischen Abriss sei deshalb ausdrücklich auf die entsprechende Literatur zur Geschichte der Architekturtheorie verwiesen. Im Folgenden werden stichwortartig relevante Teilaspekte, Disziplinen und konzeptionelle Ansätze, die Grundlage architekturtheoretischer Diskurse waren oder immer noch sind, aufgeführt:
Teilaspekte: Proportionslehre, Entwurfslehre, Typologien, Tektonik, Wahrnehmungslehre, Morphologie, Raumtheorie, Gestaltungslehre, Gestalttheorie, etc.
Beteiligte Disziplinen: Das Fachgebiet Architektur, Architektur- und Kunstwissenschaft, Architekturkritik, Kunstgeschichte, Kunsttheorie (als Bestandteil der Ästhetik, die wiederum Teilbereich der Erkenntnistheorie ist), Architekturgeschichte, Kommunikationstheorie, Semiotik, Architektur- und Stadtsoziologie, Ökologie, Umweltwissenschaften, etc.
Konzeptionelle Architekturansätze als Grundlagen architekturtheoretischer Diskurse: Funktionalismus, Konstruktivismus, Rationalismus, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Minimalismus, Materialästhetik, Parametrisches Design, Digitales Gestalten, etc.
Maßgebliche Autoren und Werke[Bearbeiten]Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung: Statt aktueller bibliographischer Angaben sollten hier Erläuterungen zur Bedeutung der Autoren und Werke stehen, inklusive ihrer Zuordnung zu Themen und Stilepochen. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.Antike
Vitruv: De Architectura libri decem, um 30 v. Chr.
Deutsch: Zehn Bücher über Architektur, Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Curt Fensterbusch, Primus Verlag, Darmstadt 1996, ISBN 3-89678-005-0.
Spätgotische Sakralbauten
Werkmeisterbücher
15.–17. Jahrhundert
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Francesco di Giorgio Martini: Trattati di architettura, ingegneria e arte militare. Hrsg. Corrado Maltese, Transkription von Livia Maltese Degrassi, 2 Bde., Mailand 1967
Sebastiano Serlio: Sette libri dell'architettura – Tutte l'opere d'architettura et prospetiva, Venedig 1584
Hans Blum: Qvinqve Colvmnarvm Exacta descriptio atque deliniatio, cum symmetrica earum distributione. Froschauer, Zürich 1550. (Digitalisat)
Andrea Palladio: Quattro libri dell’architettura. Venedig 1570
Deutsch: Die vier Bücher zur Architektur, Deutsche Übersetzung nach der Ausgabe Venedig 1570, Birkhäuser Verlag, 1993, ISBN 3-7643-5561-1.
Vincenzo Scamozzi: L'idea della architettura universale. Venedig 1615, A. Forni (Sala Bolognese) 1982
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Marc-Antoine Laugier: Essai sur l'architecture, anonym veröffentlicht Paris 1753, personalisiert veröffentlicht Paris 1755
Deutsch: Das Manifest des Klassizismus, Verlag für Architektur Artemis, Zürich 1989, ISBN 3-7608-8124-6.
Edmund Burke: Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful, 1757
Deutsch: Philosophische Untersuchungen über den Ursprung unserer Begriffe vom Erhabenen und Schönen, aus dem Englischen von Friedrich Bassenge, neu eingeleitet und herausgegeben von Werner Strube, 2. Auflage. Hamburg 1989
Anonym: Untersuchungen über den Charakter der Gebäude, über die Verbindung der Baukunst mit den schönen Künsten und über die Wirkungen, welche durch dieselbe hervorgebracht werden sollen. 1785, Reprint m. einer Einf. v. H.-W. Kruft, Nördlingen 1986
Étienne-Louis Boullée: Architecture. Essai sur l’art, 1793
Deutsch: Architektur. Abhandlung über die Kunst, Hrsg. Beat Wyss, Zürich München 1987
Claude-Nicolas Ledoux: L'Architecture considérée sous le rapport de l'art, des moers et de la législation, Paris 1804, Neuauflage in zwei Bänden, ohne Text 1847 unter dem Titel L'Architecture de Claude Nicolas Ledoux
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Heinrich Hübsch: In welchem Style sollen wir bauen?, Karlsruhe 1828
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Deutsch: Definitionen. Sieben Stichworte aus dem Dictionnaire raisonné de l’architecture mit einem deutsch-französischen Inhaltsverzeichnis der neunbändigen Ausgabe des „Dictionnaire“ von 1869, Birkhäuser Architektur Bibliothek, Basel u. a. 1993
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Susanne Hauser, Christa Kamleithner, Roland Meyer (Hrsg.): Architekturwissen. Grundlagentexte aus den Kulturwissenschaften. Bd. 2: Zur Logistik des sozialen Raumes, transcript-Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-1568-5.Sekundärliteratur[Bearbeiten]Geschichte der Architekturtheorie
Georg Germann: Einführung in die Geschichte der Architekturtheorie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980, ISBN 3-534-08148-X
Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. Von der Antike bis zur Gegenwart. 5. Auflage. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-34903-X.
Kari Jormakka: Geschichte der Architekturtheorie. Institut für Architekturwissenschaften: Architekturtheorie, Technische Universität Wien, Edition Selene 2007, ISBN 978-3-85266-197-1.Einzelnachweise[Bearbeiten]↑ Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie, S. 12
↑ Jörg H. Gleiter: Architekturtheorie heute. S. 8.
↑ Günther Fischer: "Architekturtheorie für Architekten". Die theoretischen Grundlagen des Faches Architektur, S. 60.<!–NewPP limit report
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